{"id":3254,"date":"2026-04-22T18:27:23","date_gmt":"2026-04-22T16:27:23","guid":{"rendered":"https:\/\/h2w-strafrecht.de\/?p=3254"},"modified":"2026-04-22T18:38:37","modified_gmt":"2026-04-22T16:38:37","slug":"bgh-zur-sterbehilfe-bei-psychisch-erkrankter-patientin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/h2w-strafrecht.de\/de\/bgh-zur-sterbehilfe-bei-psychisch-erkrankter-patientin\/","title":{"rendered":"BGH zur Sterbehilfe bei psychisch erkrankter Patientin"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">BGH verwirft Revision gegen Urteil des Landgerichts Berlin I (5 StR 520\/ 24)<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Umgang mit Sterbehilfe ist ein sowohl ethisch als auch juristisch komplexes Thema. Immer wieder stellt sich die Frage, wann die Unterst\u00fctzung eines Suizides noch erlaubt ist und, wann sie strafrechtlich relevant wird. Mit Beschluss vom 14. August 2025 (Az. <a href=\"https:\/\/www.bundesgerichtshof.de\/SharedDocs\/Entscheidungen\/DE\/Strafsenate\/5_StS\/2024\/5_StR_520-24.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">5 StR 520\/24<\/a>, LG Berlin I) hat der BGH eine grundlegende Entscheidung zur Abgrenzung zwischen strafloser Suizidhilfe und strafbarem Totschlag getroffen. Die Ausf\u00fchrungen des Senats werden auch f\u00fcr weitere, \u00e4hnlich gelagerte F\u00e4lle relevant sein.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ausgangsfall &#8211; Begleitung des Suizids psychisch erkrankter Personen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Verfahren betrifft einen Arzt, der als sog. Freitodbegleiter t\u00e4tig war, und eine depressive Patientin mit Sterbewunsch begleitete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gesch\u00e4digte litt an einer manisch-depressiven Grunderkrankung, wobei ihr Zustand sich \u00fcber gewisse Perioden stabilisierte und wieder verschlechterte. Unter dem Einfluss ihrer Erkrankung hatte sie bereits zwei erfolglose Suizidversuche unternommen. Ein weiterer, vom angeklagten Arzt begleiteter Suizidversuch ging fehl. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der darauf folgenden Zeit befand die Gesch\u00e4digte sich auf richterliche Anordnung wegen drohender Selbstgef\u00e4hrdung in der psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses und schwankte krankheitsbedingt zwischen neuem Lebensmut und dem Wunsch, zu sterben.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie kontaktierte den Arzt erneut. Dabei sicherte er ihr zu, dass der erneute Suizidversuch nicht fehlgehen werde und legte der Gesch\u00e4digten einen Infusionsbeutel mit einer t\u00f6dlichen Dosis eines Narkosemittels an. Die Gesch\u00e4digte \u00f6ffnete den Durchflussregler eigenh\u00e4ndig und verstarb binnen weniger Minuten<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Urteil des Landgerichts Berlin I<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Landgericht Berlin I verurteilte den Arzt wegen Totschlags in mittelbarer T\u00e4terschaft gem. \u00a7\u00a7 212, 25 Abs. 1 Alt. 2 StGB. Das Landgericht stellte fest, dass die Patientin nicht freiverantwortlich handelte. Das w\u00e4re jedoch eine Voraussetzung daf\u00fcr gewesen, das Handeln des Arztes als straflose Beihilfe an einer Selbstt\u00f6tung zu werten. Das Gericht argumentierte, der Arzt habe aufgrund seiner Zusicherung, der Suizidversuch werde nicht fehlgehen, die Tatherrschaft ausge\u00fcbt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">BGH best\u00e4tigt Entscheidung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der BGH hat die gegen das Urteil eingelegte Revision mit Beschluss vom 14. August 2025 verworfen. In der Begr\u00fcndung f\u00fchrte der 5. Strafsenat aus:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Mitwirkung an einem eigenh\u00e4ndig vollzogenen Suizid sei ein in mittelbarer T\u00e4terschaft begangenes T\u00f6tungsdelikt, wenn der Suizident seinen Entschluss nicht freiverantwortlich getroffen hat, der Mitwirkende dies zumindest f\u00fcr m\u00f6glich h\u00e4lt und billigend in Kauf nimmt und sich t\u00e4terschaftlich an dem Geschehen beteiligt. Dies sei vorliegend rechtsfehlerfrei vom Landgericht Berlin I angenommen worden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im konkreten Fall sei bereits die Freiverantwortlichkeit der Entscheidung der Patientin nicht gegeben.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Freier Wille? &#8211; Ein Definitionsversuch des BGH<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wann eine Entscheidung freiverantwortlich ist, sei &#8211; so der BGH &#8211; anhand des Willen des Suizidenten ermitteln. Entspricht die Entscheidung zur Selbstt\u00f6tung dem autonomen und frei gebildeten Willen, ist die als freiverantwortlich anzuerkennen. Habe der Suizident Defizite in der Willensbildung, scheide eine Freiverantwortlichkeit aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Defizite waren aus Sicht des BGH vorliegend an drei Punkten gegeben.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Keine Freiverantwortlichkeit wegen affektiver Realit\u00e4tsverzerrung<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum einen hatte die Patientin nicht die f\u00fcr die einwandfreie Willensbildung erforderliche \u201enat\u00fcrliche Einsichts- und Urteilsf\u00e4higkeit\u201c inne. Zum Zeitpunkt des Sterbens war sie, nach den Feststellungen, durch den Einfluss der akuten depressiven St\u00f6rung nicht in der Lage, eine realit\u00e4tsgerechte Abw\u00e4gung des F\u00fcr und des Wider der Selbstt\u00f6tung zu nehmen. Durch diese sah sie \u2013 aufgrund einer affektiven Realit\u00e4tsverzerrung \u2013 die Erfolgschancen der Behandlung ihrer Krankheit als aussichtslos.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Keine \u201einnere Festigkeit und Zielstrebigkeit des Sterbewunsches\u201c<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch wies der Sterbewunsch der Gesch\u00e4digten im konkreten Fall nicht die \u201einnere Festigkeit und Zielstrebigkeit\u201c auf, die f\u00fcr eine freiverantwortliche Entscheidung erforderlich ist. Nach Auffassung des BGH zeigte die Kommunikation der Patientin mit dem Arzt, dass diese ihre Entscheidung immer wieder revidierte. Sie selbst entschuldigte sich f\u00fcr das \u201eewige Hin und Her\u201c.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Keine Freiverantwortlichkeit aufgrund Versprechen des Arztes<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Durch das wahrheitswidrige Versprechen des Arztes, dieses Mal werde ihr Suizidversuch in jedem Fall gelingen, n\u00f6tigenfalls werde er selbst ihr Versterben sicherstellen, griff er zudem nach BGH-Auffassung in den Abw\u00e4gungsprozess der Patientin ein. Aufgrund dieser Zusage \u00fcberwand die Patientin ihre inneren Hemmungen und berechtigten Sorgen vor einem Suizidversuch.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u00dcberlegenes Wissen und Wollen des Arztes vermittelt Tatherrschaft<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Arzt konnte nach Auffassung des BGH auch als mittelbarer T\u00e4ter verurteilt werden. Unsch\u00e4dlich war, dass die Patientin den unmittelbar zum Tode f\u00fchrenden Akt selbst vornahm. Es kam hier darauf an, dass der Arzt die mangelnde Freiverantwortlichkeit der Suizidentscheidung der Patientin erkannt hatte und dadurch steuernd Einfluss auf das Geschehen nahm. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zudem stellte der BGH auf die erheblichen Tatbeitr\u00e4ge des Arztes ab, der das Narkosemittel und die medizinischen Utensilien f\u00fcr die Infusion mitbrachte und ihre Funktionsf\u00e4higkeit \u00fcberpr\u00fcfte. Seinen Willen zur Tatherrschaft leitete der BGH aus seiner Motivation ab, seine Patientin zu unterst\u00fctzen, weil er die bei psychisch erkrankten Suizidwilligen regelm\u00e4\u00dfig ge\u00fcbte Zur\u00fcckhaltung als unangebracht und diskriminierend empfand.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kein freiverantwortlicher Suizid bei psychischer Beeintr\u00e4chtigung?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Beschluss des BGH wirft naturgem\u00e4\u00df die Frage auf, ob ein freiverantwortlicher Suizid bei gewissen psychischen Beeintr\u00e4chtigungen \u00fcberhaupt noch infrage kommt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unklar bleibt, wie die \u201einnere Festigkeit und Zielstrebigkeit\u201c des Sterbewunsches abschlie\u00dfend zu ermitteln ist, wenn deren Fehlen gerade auf das Krankheitsbild der betroffenen Person zur\u00fcckzuf\u00fchren ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach Auffassung des BGH macht der Beschluss eine straffreie \u00e4rztliche Suizidassistenz nicht unm\u00f6glich, sondern setzt ihr nur die verfassungsrechtlich zur Verhinderung des Vollzugs unfreier Suizidentscheidungen gebotenen Grenzen (vgl. BVerfG, Urteil vom 26. Februar 2020 \u2013 2 BvR 2347\/15 Rn. 232, NJW 2020, 905, 909).<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fazit<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Praxis hat der Beschluss des BGH zur Suizidassistenz eine erhebliche Bedeutung. Er betrifft nicht nur \u00c4rztinnen und \u00c4rzte, sondern auch Angeh\u00f6rige, die in emotional belasteten Situationen Unterst\u00fctzung leisten wollen. Die rechtlichen Anforderungen an eine wirksame, freiverantwortliche Suizidentscheidung sind hoch und im Einzelfall schwer zu beurteilen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer mit entsprechenden Vorw\u00fcrfen konfrontiert ist, sollte daher fr\u00fchzeitig rechtlichen Beistand in Anspruch nehmen, um effektive Verteidigungsstrategien zu entwickeln. Kontaktieren Sie <a href=\"https:\/\/h2w-strafrecht.de\/de\/anwaelte-anwaeltinnen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">uns<\/a> gern. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BGH verwirft Revision gegen Urteil des Landgerichts Berlin I (5 StR 520\/ 24) Der Umgang mit Sterbehilfe ist ein sowohl ethisch als auch juristisch komplexes Thema. Immer wieder stellt sich die Frage, wann die Unterst\u00fctzung eines Suizides noch erlaubt ist und, wann sie strafrechtlich relevant wird. Mit Beschluss vom 14. 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